Braunschweig, 14.12.2016

Die Plätze an den drei langen Tischreihen im Großen Saal der Handwerkskammer Braunschweig waren am 14. Dezember fast komplett besetzt. Rund 80 Gäste folgten der Einladung zum dritten und letzten AAI-Infoabend 2016.

Olaf Jaeschke begann den Abend mit einem Winston-Churchill-Zitat: „Ohne Tradition ist die Kunst wie eine Herde Schafe ohne Hirt. Ohne Neuerung ist sie ein toter Körper“ und appellierte damit an den Erneuerungsgeist im Einzelhandel. „Wir müssen uns kreativ bewegen, müssen wach sein und sehen, dass wir dran bleiben und die eine oder andere Gewohnheit, die wir in den letzten Jahrzehnten hatten, ablegen“, so Jaeschke, der sich ein intensiveres Nachdenken über die Chancen und Vorteile des Themas Internethandel wünscht.

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v.l.n.r.: O. Jaeschke (stellvertr. AAI-Vorstandsvorsitzender), H.-W. Kretschmann (AAI-Vorstand), B. Khosrawi-Rad (stereolove), M. Arko (AAI-Vorstand), F. Kappelmann (Geitelder Baumschule), Dr. N. Petrek (Parkhaus am Bankplatz), P. Rittmeyer (stereolove), Tina Loose (Die Floßstation), H. Borgmann (Die Apotheke), B. Schroers (AAI-Vorstand)

Nach einer kurzen Begrüßung stellten sich die neuen AAI-Mitglieder persönlich vor: die Geitelder Baumschule, das Parkhaus am Bankplatz, die Gastronomie Die Apotheke, die Agentur für Events und Livekommunikation Stereolove sowie die Floßstation Braunschweig. „Ein Verein wie unserer lebt von neuen Mitgliedern, die durch ihre Beteiligung, Anwesenheit und Mitgliedschaft zeigen, dass hier eine vernünftige Arbeit für die Stadt geleistet wird“, betonte Olaf Jaeschke, der anschließend die aktuellen Themen auf die Agenda hob: das Baustellenmanagement, die Mitgliederbefragung, das Straßenbahnausbaukonzept, das AAI-Magazin CityZeit, den AAI-City-Check – ein ausdrückliches Lob für seinen unermüdlichen Einsatz erhielt Vorstandsmitglied Bernd Schroers –, sowie die Vereinssatzung, an deren erster Fassung und zuletzt Modernisierung Carl Langerfeldt aktiv mitgewirkt habe.

63 AAI-Mitglieder haben dem Vorstand Ihr Feedback zum Format und der inhaltlichen Ausgestaltung der AAI-Infoabende mitgeteilt. Eine tolle Quote, wie Jaeschke befand, die vieles zutage gebracht habe, was nun geprüft und umgesetzt würde. Die Infoabende sind, so das Ergebnis, sehr beliebt, und sollen in der jetzigen Form beibehalten werden. Ebenso gut kommen die wechselnden Veranstaltungsorte an. Einer gewünscht stärkeren Einbindung der neuen Mitglieder werde von jetzt an mit einer regelmäßigen Vorstellung Rechnung getragen. Und dem Wunsch nach Impuls- und Fachvorträgen wurde unlängst entsprochen. „Da werden wir auch künftig dranbleiben“, so Jaeschke.

Bezüglich des geplanten und sehr umstrittenen Straßenbahnausbaus durch die westliche Innenstadt wurden laut Jaeschke unter der Federführung des AAI viele Dialoge, unter Einbindung der Quartierssprecher des Friedrich-Wilhelm-Viertels und der Altstadt, mit der Stadtverwaltung als aktuell auch mit den politischen Parteien im Rat geführt. Aufgrund der gleichwertigen Überprüfung beider zur Diskussion stehenden Strecken – Gördelingerstraße und Güldenstraße – gebe es aus Jaeschkes Sicht Hoffnung auf eine Linienführung via Güldenstraße. Die sei für das Altstadtquartier sehr wichtig, weil die Frequenz genau von dort kommt. Der AAI habe den jeweiligen Fraktionsvorsitzenden die Sichtweisen der Kaufleute und betroffenen Anlieger dargelegt und auf die Bedeutung und das angewiesen sein auf das aktuell in der Gördelingerstraße gut funktionierende Mit- und Nebeneinander von Fahrrad-, Stadtbus- sowie Auto- und Lieferverkehr hingewiesen. In diesem Zuge wurde unter anderem auch mit dem Vorstand des ADFC Braunschweig gesprochen, der laut Jaeschke aufgrund des möglichen Wegfalls der Befahrbarkeit in beide Richtungen selbst ein Problem mit der Straßenbahnführung hätte und die Position des AAIs in dieser Sache voll nachvollziehen könne. Jaeschke rief alle Mitglieder und Anwesenden zur Teilnahme an der öffentlichen Vorstellung der Trassenbewertung am Montag, 16. Januar um 18 Uhr in der Stadthalle auf, um hier die Präsenz des AAIs zu demonstrieren.

Die Themen CityZeit und City-Check wurden kurz angerissen, um beim Thema Innenstadtentwicklung im Bereich City Point, Welfenhof und Burgpassage noch einmal etwas weiter auszuholen. Olaf Jaeschke wiederholte hier, was er zuvor schon in kürzlich geführten Interviews betont hatte: „Es ist klar: Braunschweig hat durch die Schloss-Arkaden volkswirtschaftlich gewonnen, weil dadurch in dieser Stadt insgesamt ganz viel passiert ist. Im Zuge dessen wurden viele Bereiche aufgewertet und die Aufenthaltsqualität gehoben. Wir sind gut aufgestellt. Wir haben regionale, nationale und internationale Filialisten, die hier nach wie vor nachfragen, und wir haben auch neue Labels hinzubekommen. Man sieht, dass Bewegung da ist.“ Die Probleme von City Point, Welfenhof und Burgpassage seien, so Jaeschke, im Grunde identisch. Bei jahrzehntelanger Nichtinvestition hätten sich sowohl die gängigen Ladenkonzepte als auch die Stadt an sich verändert. Hier gelte es nun, sich neu aufzustellen. Die Gespräche der Investoren mit der Stadt würden jetzt jedenfalls ganz eng geführt. „Die Herausforderung ist, dass alle drei Themen auf einmal auf uns zugekommen sind. Daran müssen wir nun arbeiten“, betonte Jaeschke, der fest an spannende Entwicklungen glaubt.aai-infoabend-14-12-2016-3

Björn Nattermüller, Bereichsleiter beim Stadtmarketing, komplettierte den Reigen offizieller Hintergrundinfos. Er sprach unter anderem die Aktion „Braunschweig zeigt Herz“ an, bei der die Braunschweigische Landessparkasse Hauptsponsor, Unterstützer und größter Einzelspender zugleich ist. Im vierten Jahr ist ein neuer Spendenrekord aufgestellt worden. Über 15.000 Euro kommen auf diese Weise dem Verein Verkehrswacht Braunschweig zugute. Ferner rief Nattermüller in Erinnerung, dass die Weihnachtsstadt Braunschweig mehr ist, als nur der überaus präsente Weihnachtsmarkt, der allein in 30 deutschen Städten beworben werde: „Da sind auch Veranstaltungen wie das Wintertheater, der Eiszauber, die Weihnachtskulturwoche und viele weitere Themen, die wir als Stadtmarketing über unsere Medien und in der Presse kommunizieren. Mit Blick auf das Thema Nachhaltigkeit informierte Nattermüller, dass der Weihnachtsmarkt seit diesem Jahr mit gutem Beispiel vorausgeht und die gesamte Veranstaltung mit zertifiziertem Naturstrom vom lokalen Energieversorger BS|ENERGY versorgt wird. Zudem wurde seitens des Schaustellerverbandes auch die gesamte allgemeine Beleuchtung, wie die Zugangstore zum Markt auf LED-Technik umgestellt. Der angebotene Park-Ride-Service wurde bislang gut angenommen und werde neben den vier Adventssamstagen auch wieder unmittelbar vor und nach Heiligabend angeboten. Zudem steigt laut Nattermüller auch die Anzahl der in Braunschweig gezielt ankommenden Reisebusse weiter an. Die Umstellung auf die lasergestützte Frequenzmessung ist im September erfolgreich verlaufen und eine erste Auswertung der sechs Messpunkte ist für das erste Quartal 2017 geplant.

Nattermüller hob noch mal die ab 1. Januar 2017 geltende Regelung zur Durchführung von verkaufsoffenen Sonntagen in Braunschweig hervor. Genehmigungen zur Sonntagsöffnung können anlassbezogen für insgesamt vier gemeinsame verkaufsoffene Sonntage im gesamten Stadtgebiet erteilt werden. Einzelgenehmigungen sind 2017 nicht mehr möglich. Zudem müsse ein Zusammenhang zwischen der Anlassveranstaltung und der Sonntagsöffnung der Geschäfte bestehen. Die erste dieser Anlassveranstaltungen ist die am 28. und 29. Januar stattfindende „winterkunstzeit“. Aktuell sind neben 29 Einzelhändlern 32 Künstler, Vereine und Institutionen mit im Boot. 90 Prozent der Künstler werden vor Ort sein und ihre Werke vorstellen und auch zum Verkauf anbieten. Neben dem AAI unterstützt 2017 auch wieder der AAP (Arbeitsausschuss Peripherie Braunschweig e .V.) die gemeinsame Bewerbung der Veranstaltungen mit verkaufsoffenem Sonntag.

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Manuel Geiger, TU Braunschweig

Die letzten zehn Minuten des Programms gehörten schließlich Manuel Geiger, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Wirtschaftsinformatik an der Technischen Universität Braunschweig. Er befasst sich im Rahmen seiner Disziplin mit dem Thema E-Commerce im Einzelhandel. Der Doktorand war fünf Jahre bei einer Unternehmensberatung in Düsseldorf beschäftigt. Seine wissenschaftliche Expertise soll in Form von Konzepten fortan auch dem AAI und seinen Mitgliedern zu Gute kommen. „Das Ziel ist, auf den Einzelnen einzugehen, und zu schauen: Was wird gebraucht, und was kann man im Rahmen des E-Commerce machen“, erzählt Geiger im Rahmen seines Impulsvortrages. Eine Idee ist, das Verkaufspersonal gezielt anzuleiten, E-Commerce in den herkömmlichen Einzelhandel einzubinden.

Dass es sinnvoll ist, alternative Vertriebswege zu erkunden, zeigt unterdessen ein Blick auf die Umsatzzahlen des Braunschweiger Einzelhandels. Für den Zeitraum von 2001 bis 2009 ist dort ein Minus von 337 Millionen Euro verzeichnet, was zwar nicht nur, aber eben zum großen Teil auf den Online-Handel zurückzuführen sei. Im E-Commerce kämen nun auch die Branchen, die zunächst als untauglich angesehen wurden, in Schwung. Geiger nennt hier den Möbelbereich als Beispiel. Zugleich seien 70 Prozent der Einzelhändler online nicht vertreten und damit für einen wachsenden Kundenkreis nicht verfügbar. Dabei berge die Kombination der Vertriebswege (Omni-Channel) für den stationären Einzelhandel aufgrund des Beratungsvorteils großes Potenzial. „Hinzu kommt, dass die Stadt sehr gut geeignet ist. 84 Prozent der Leute sind mit dem Einzelhandel zufrieden, 44 Prozent sogar sehr zufrieden. Braunschweig ist eben die führende Einkaufsstadt der Region. Es besteht eine sehr gute Ausgangsposition, um uns weiter zu entwickeln“, so Geiger. Als nächster Schritt ist nun der Aufbau einer Einzelhandelsplattform vorgesehen, wobei der bisherige Verlauf des Projektes recht deutlich die Schwierigkeiten unterstreiche. „Eine weitere Herausforderung ist, dass Einzelhändler nicht mit den Online-Händlern konkurrieren können, indem sie frontal angreifen. Amazon und Zalando sind bei den Kunden ganz oben im Kopf. Wir müssen uns darauf konzentrieren, was den Einzelhandel ausmacht, die wesentlichen Vorteile herausarbeiten, und diese versuchen, zu digitalisieren“, skizzierte Geiger, der abschließend betonte, dass man auf die Mithilfe der AAI-Mitglieder und lokalen Gewerbetreibenden angewiesen sei.

Den Vortrag von Herrn Geiger zum Thema Online als Chance für den Einzelhandel der Region finden Sie hier.

Zum diesbezüglichen Austausch bestand dann gleich im Anschluss an den offiziellen Teil Gelegenheit. Bei anregenden Gesprächen mit dem Vorstand, Vereinsmitgliedern und Referenten des Abends sowie Köstlichkeiten des Schaustellerverbandes klang der Abend rund um den Ginkgo Baum im Hof der Handwerkskammer aus.

Wir danken den Unterstützern des Abends: der Handwerkskammer Braunschweig, dem Schaustellerverband Region Harz und Heide, dem Hofbrauhaus Wolters, Bad Harzburger Mineralbrunnen, der Agentur 15hoch8 sowie den Schaustellern des Braunschweiger Weihnachtsmarktes.

(Fotos: Braunschweig Stadtmarketing GmbH / André Pause)